Ich kenne eine alte Schauspielerin. Sie ist 96 Jahre alt und nach mehreren Erkrankungen gebrechlich. Aber wenn sie den Speisesaal des Wohnheims in ihrem schlichten Kleid betritt, sind alle Augen auf sie gerichtet –

auch die der jungen Besucherinnen und Besucher. «Mama, so, wie die geht, so, wie die sitzt, so, wie die sich bewegt … das will ich auch!», war damals der fassungslose Kommentar meiner 20-jährigen Tochter. Ich habe die Dame gefragt, wie sie das macht. Schauspielunterricht? Begabung? Sie hat mir erklärt, dass jahrelanges Balletttraining dahintersteckt.
Nun, nach meiner Privatlektion bei Carmelina verstehe ich das. Ich trainiere nun seit ca. drei Jahren drei- bis viermal pro Woche; angefangen habe ich mit 60. Ich dachte, dass meine Muskeln trainiert seien, doch nach dieser einen Privatstunde hatte ich einen gewaltigen Muskelkater – im unteren Rücken, in den Beinen bis in die Füsse, an Stellen, die ich bisher nicht einmal wahrgenommen hatte.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man Bewegungen einfach nur ausführt oder ob man sie korrekt ausführt. Es sind Kleinigkeiten, die den grossen Unterschied machen. Carmelina hat mir in minutiöser Feinarbeit genau gezeigt, wie ich die Haltung jeder einzelnen Muskelgruppe – bis in die Zehen – so anpassen muss, dass sich das Ergebnis phänomenal verbessert.
Seither gehe ich anders, stehe ich anders, sitze ich anders. Ich hoffe, dass ich so dem Auftreten und der Grazie dieser alten Dame näherkommen kann. Ballett ist eben mehr als «hübsch», mehr als Tanz und mehr als Spitzensport. Es verändert Dein Auftreten, Deine Erscheinung, Deine Wirkung auf andere – und Dein persönliches Körpergefühl. Sogar Deine Atmung. Dass ich das im zarten Alter von 63 sagen kann, hätte ich mir nie gedacht.




